Die Wärzberre – Hexenzauber oder frommer Glaube?
7 – 77 – oder 99?
Alle Jahre am 15. August – Maria Himmelfahrt – werden in überwiegend katholischen Gebieten Deutschlands nach dem Gottesdienst „die Wärzberren“ (Heilkräuterbuschen) gesegnet.
Uralt ist das Wissen, dass alle Heil- und Würzkräuter zum Vollmond im August die größte Heilkraft haben; nur das Johanniskraut wird bereits am 24. Juni, dem Johannistag, gepflückt und getrocknet. Durch die Klimaerwärmung blühen jedoch alle Wildblumen zunehmend 2 – 4 Wochen früher, so dass am Sammeltage oftmals viele Kräuter bereits abgeblüht oder nicht mehr vorhanden sind. Konnte man bei uns vor 30 Jahren nachweislich noch mühelos 47 Wildkräuter an Rainen, Wegesrändern oder auf Brachflächen finden bzw. sammeln – heute sind viele Arten einfach verschwunden. Deshalb wird nun der Würzwisch oft mit saisonalen Gartenblumen aufgehübscht, und die ehemals notwendigen 7 bis zu 99 Heilkräuter treten zwangsweise etwas in den Hintergrund. Aber Krönung des Marienwischs ist aber immer noch bei uns in Franken die Königskerze. Sie symbolisiert das Zepter Mariens und hat ihren Platz als Wetterkerze oder Muttergotteskerze in der Mitte des Buschens.
„Unsere liebe Frau geht über Land und trägt den Himmelsbrand (Königskerze) in ihrer Hand“
Nach der Segnung werden die Weihsträuße getrocknet und für ein ganzes Jahr als Zeichen des Glaubens mit der Hoffnung auf Schutz, Gesundheit und Segen für Mensch und Vieh im Herrgottswinkel aufbewahrt oder hinter das Kruzifix geklemmt. Die Büschel mit einer Wetterdistel werden im Dachboden aufgehängt, damit das Haus vor Blitzeinschlag verschont bleibe. Bei Gewitter wurden geweihte Kräuter ins Herdfeuer geworfen, dem kranken Vieh wurden sie ins Futter gemischt, und in den Raunächten zwischen 25. Dezember und 06. Januar wurden Haus und Stall „ausgeräuchert“ und um Segen und Gesundheit gebeten. Bevor der jährlich neue Würzbuschen das Wohnzimmer zierte, wurden die alten Kräuter dem Vieh verfüttert. Alles ging wieder an die Natur zurück.
Die Kräuterweihe ist ein Brauch von alt her und soll die Menschen daran erinnern, dass selbst in den einfachsten Pflanzen ein Segen liegen kann. Seit etwa dem 10. Jh. feiern die Christen die Kräuterweihe an Maria Himmelfahrt, und dazu gibt es eine schöne Legende: Als man 3 Tage nach dem Tode das Grab der Gottesmutter öffnete, war es leer; aber viele Pflanzen, Blumen und Kräuter verströmten darin einen atemberaubenden Duft. So wurden alsbald Kräutersegnungen und Fest Maria Aufnahme in den Himmel miteinander verknüpft.
Kräutersammeln und Kräuterwissen ist bereits aus vorchristlicher Zeit überliefert und bei uns seit dem 5. Jh. bekannt. Es gab schon bei den Kelten, Slawen und Germanen „weise Frauen“, heilkundig und spirituell, die mit den Geheimnissen der Natur vertraut waren, Heil- und Würzkräuter sammelten und sie unter den Schutz ihrer Götter stellten. Um das Jahr 745 wurden diese heidnischen Rituale verboten und anschließend christianisiert. Selbst Kaiser Karl der Große wusste um die Heil- und Würzkraft der Wildkräuter Bescheid und befahl den Anbau in den Klöstern seiner Krongüter. Aus den Klostergärten heraus entstanden auch bald „unsere Bauerngärten“. Meist waren es die Frauen, die sich das Wissen aneigneten und als „Kräuterweiber“ ihre Ware unter das einfache Volk brachten. Sie halfen der zumeist armen Landbevölkerung mit Tees, Tinkturen, Essenzen und anderen „geheimen“ Mitteln, so dass sie bald den teuren Ärzten und Apothekern ein Dorn im Auge waren. Aber wer waren ihre Lieferanten? Die Kräuterweiblein – meist selbst spärlichst lebend – zogen mit vollgepackter Kieze über Land und boten ihre „Geheimnisse“ an. Obwohl in den Klöstern Arzneien hergestellt wurden, war es besonders im 17. Jh. für diese mit der Natur in Einklang lebenden meist älteren Frauen gefährlich, über die Heilkraft der Kräuter zu wissen. So manche Kräuterfrau wurde als Hexe verschrien und während der schrecklichen Hexenverfolgung an den Pranger gestellt oder sogar verbrannt.
Aber diese schlimmen Zeiten sind heute glücklicherweise vorbei! Kräuterfrauen – weise Frauen sterben nicht aus! Seit einigen Jahren gibt es sie wieder, ausgebildete zertifizierte Kräuterexpertinnen und -Experten. Ihre Heilkräuterwanderungen boomen und sind „in“ – und es ist gut, wenn das uralte Wissen der seinerzeit stark in der Natur verwurzelten weisen Kräuterfrauen und auch Schafhirten dadurch nicht verloren geht. Kräuter-, Kloster- und Bibelgärten laden zum Meditieren und Lernen ein (Seligenstadt). Der uns allen bekannte „Wasserdoktor“ Pfarrer Kneipp schreibt im vorletzten Jahrhundert u. a.: „Natur ist die beste Medizin“ und „Vorbeugen ist besser als heilen“. So gibt es kaum eine Pflanze von A – wie Acker-schachtelhalm (harntreibend) bis Z – wie Zitronenmelisse (beruhigend und verdauungsfördernd), die keine Heilwirkung hat. Und Paracelsus, Arzt, Heilkundiger und Alchemist aus dem 16. Jh. sagte auch: „Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen“ —–aber Vorsicht!—– er warnte auch:
Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist!
Jedoch: Haben wir heute aber überhaupt noch Zeit, unseren Schnupfen oder Husten mit selbst gesammelten Kräutern auszukurieren, oder ist es nicht einfacher, schnell in eine Apotheke zu gehen und die Arznei fertig zu kaufen? Geduld ist nicht mehr unsere Stärke…
Wie dem auch sei – das Kräutersammeln zu Maria Himmelfahrt oder überhaupt hat etwas Meditatives und Beruhigendes. Es lässt eine Weile alle Hektik zurück, lässt uns suchen und finden, und es lässt uns unserem Schöpfer danken für all die heilenden Schönheiten unserer Natur. So werden hoffentlich die alten Rituale nicht in Vergessenheit geraten.
Der Katholische Frauenbund Dettingen und Frauen aus Großwelzheim werden dieses Jahr wieder Würzbüschel zum Feiertag Maria Himmelfahrt binden. Wer sein Kräutersträußchen nicht selber pflücken möchte, kann die gesegneten Buschen nach den Gottesdiensten (siehe Kirchliche Nachrichten) für einen guten Zweck erwerben.
Die „Kleine Kräuterhexe“ sammelte bei Mondschein sieben heilige Kräuter:
Kamille für den Frieden,
Johanniskraut für das Licht der Seele,
Lavendel für die Ruhe, Salbei für die Weisheit,
Thymian für den Mut,
Rosmarin für die Erinnerung und
Minze für die Klarheit
und sagte weise lächelnd zum König: „Lehrt Euer
Volk, die Natur zu achten, denn sie ist unsere
wahre Schatzkammer.“
Text: Lotte Oster, Karlstein